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Marokko Wanderlustig

Wanderlustig: Cascades d’Akchour

Juni 2, 2018

Es ist Donnerstag. Wir wollen wandern. Die Aussicht ist grandios. Grüne Wiesen, noch grünere Felder und schroffes Gebirge. Für uns eine hübsche Landschaft. Für die Welt die marokkanische Zentrale der Cannabis-Produktion.

 

Es ist der vierte Morgen unseres Mini-Roadtrips durch Marokko. Wir sind in Chefchaouen aufgewacht. Sind durch die Stadt gebummelt. Haben Tee getrunken. Und uns gegen 11 Uhr dafür entschieden unseren Tag im Rif-Gebirge zu verbringen. Da sind wir nun. Auf einem Parkplatz (35°14'20.6"N 5°10’40.6“W) des Örtchens Akchour. Mit hübschen Markensneakers, die zum Wandern so gut geeignet sind, wie ein bauchfreies Spagettitop beim Gottesdienst. Dazu ein hübsches Umhängetäschchen und ein stylischer Turnbeutel. Geil. 

Ehrlich gesagt bin ich etwas verwirrt. In allen mehr oder minder professionellen Publikationen war zu lesen, dass unsere geplante Wanderung sehr überlaufen ist und man schon am Parkplatz von selbst ernannten Wanderführern bedrängt wird. Hier stehen wir nun. Als einziges Auto. Weit und breit kein Mensch. Dann doch. Ein junger Mann trottet auf uns zu. Er wedelt mit einem Papierblock. Ten! Aber klar doch. Es ist der Parkplatzwächter. Wir zahlen 10 DH. Und bevor wir ihn fragen können, wo es lang geht, ist er weg. Ok. Wenn wir ehrlich sind, wäre die Frage auch überflüssig gewesen. Denn aus der einen Richtung kamen wir. Und in die andere führte ein Weg. Der Einzige.

 

 

Direkt am Einstieg in den Wanderweg entdecken wir eine Übersichtskarte. Ok. Reste einer Karte. Hmmm. Wir sind uns sicher, dass die Einheimischen „Tourguides“ kurzerhand entschieden haben jegliche Ausschilderung zu sabotieren um sich erfolgreicher als Führer anzubieten. Anders können wir uns den sorgfältig abgerissenen Mittelstreifen (der mit dem Weg) nicht erklären. Ein späterer Blick in Google Streetview bestätigt uns:

Das ist schon länger so.

Aber gut. Da ist nur ein Weg. Den gehen wir.

Im Kopf habe ich zu diesem Zeitpunkt sowieso nur eins:

Pipi.

Hmmm.

Da kein Versteck-Grün am Wegesrand lauert, kraxle ich den Berg hinauf.

Auuuutsch.

Hingefallen. Das Handtäschchen hängt auf halb acht. Die Hände bluten.

Aber. Der Druck ist weg.

Jetzt kann's losgehen.

Aber wo lang? 

Plötzlich haben wir die Qual der Wahl: linke Talsenke oder Rechte? Rechts sieht doch super aus! Selbstbewusst stolziere ich voran und bin mir 100% sicher auf dem richtigen Weg zu sein. Links ging es doch gar nicht lang, oder? Jenny (Habe ich sie euch eigentlich schon vorgestellt? Meine äußerst coole, witzige und tiefentspannte Reisebegleiterin?!)  ist sich nicht so sicher, lässt mich aber einfach machen. Keine gute Entscheidung. 5 Minuten später stehen wir im Busch. 10 Meter über dem Fluss. Weg zu Ende. Ging wohl doch nicht hier lang. 

Wir sind verwirrt. Sollte der kleine überwucherte Weg links tatsächlich der Richtige sein?

Wir laufen zurück. Es wird schwül.

Dann entdecken wir ein hölzernes Schild.

Jegliche Informationen abgerissen.

Jetzt sind wir uns sicher: Hier geht’s lang.

Wir sollten Recht behalten.

 

 

Nach wenigen Metern wird aus dem schwer erkennbarem Weg eine Spaziergänger-Allee. Nicht das jemand hier wäre. Aber der Weg ist gesäumt mit Geländern und sorgfältig aufbereitet. Man hat sich für die Massen gerüstet.

Und die waren offensichtlich vor gar nicht langer Zeit auch hier:

Der Wegesrand ist gepflastert von Müllbergen. Plastikverpackungen. Restmüll. Essensreste. Aber vor allem Plastikverpackungen. Die Mülleimer liegen daneben. Auch wenn keiner von uns es ausspricht, ist klar was wir denken: Tolle Wanderung. Da hätten wir auch im Harz ne Mülltonne auskippen können. Oder zwanzig.

Wir entscheiden uns mehr nach oben zu schauen. Da ist es schön. Wilde Natur. Rotbraune Felswände. So trotten wir durchs El-Kelaa-Tal, genießen mehr oder weniger die klebrige Luft und fragen uns: Wo sind die Touristenmassen? Bis jetzt haben wir den Parkplatzwächter und drei marokkanische Jugendliche getroffen. Die hingen aber am Fluss ab und sahen auch nicht so aus, als ob sie heute noch wandern würden.

 

 

Apropos Fluss.

Übersehen wir die Plastikdeko am Wegesrand, können wir tatsächlich den El-Kelaa erkennen, der fröhlich neben uns her plätschert. Hübsch sieht das aus.

Bis auf. 

Entlang des Ufers - oder auch mitten im Fluss - stehen dutzende Plastik Stühle, wie ich sie bisher nur aus Kindertagen oder asiatischen Street-Food Läden kannte. Da niemand drauf sitzt und auch die zugehörigen Buden leer stehen, sieht das Ganze aus wie ein evakuierter Kindergeburtstag. Und das den gesamten ersten Teil unserer Wanderung. Wir sind fasziniert. Aber auch ein bisschen verstört. Warum ist niemand hier? 

 

 

Nach ca. 45 Minuten (trotz Verlaufen & Pipi-Päuschen) erreichen wir das erste Etappenziel: Die Petit Cascade. Hier gibt es Stühle für mindestens 500 Leute, zahlreiche Shop-Hütten und Wasserbecken, die zum Baden einladen. Doch wir sind alleine. Ok nicht ganz. Eine gruselige Katze hat uns entdeckt und genießt es sichtlich ihren Schwanz an unseren schwitzigen T-Shirts zu reiben. Es bleibt skurril. Wir hocken uns auf ein Mäuerchen, starren den Wasserfall an und überlegen, wie es weitergeht. Zurück laufen? Wir zucken gleichzeitig gleichgültig mit den Schultern und entscheiden uns emotionsfrei weiterzulaufen. Eine sehr gute Entscheidung, wie wir später merken werden.

 

 

Der nächste Abschnitt ist ein ganz Anderer: Die Plastikstühle werden weniger. Der Müll auch. Der Weg wird wilder und die Natur abwechslungsreicher. Alles wird enger. Der Pfad schmaler. Zum ersten Mal überqueren wir den Fluss. Kleine Gegenanstiege wechseln sich mit staubigen Wegen ab. Und so langsam finden wir doch Gefallen an unserem Ausflug. Riesen Freude über den exklusiven Wanderweg wechselt sich mit gruseligen 2-Touristinnen-alleine-im-Marokkanischen-Cannabis-Gebirge-Fantasien ab. Aber die Freude überwiegt. Spätestens als wir die ersten Flussüberquerungen im Vierfüßlerstand und mit Gesichtskirmes in Angriff nehmen.

 

 

Insgesamt 11 Mal müssen wir den Fluss queren, bevor wir am Ziel ankommen. Aber so weit sind wir noch nicht. Denn nach den ersten Querungen mit lustigen DIY-Baumstamm-Lösungen, haben sich die Marokkaner etwas ganz Pfiffiges einfallen lassen! Denn mal ehrlich. Wer will schon über die natürlichen Fluss-Steine balancieren, wenn man statt dessen BETONKLÖTZE nehmen kann?

Euer Ernst? 

Wir können es nicht fassen. Es sieht aus wie in einem 90er Jahre Computerspiel oder einer skurrilen Variante der allseits beliebten Hungerspiele. Nun gut. Nasse Füße bekommt man so jedenfalls auf keinen Fall. Intensiv denken wir darüber nach, wer wohl den Betonmischer in den Wald geschleppt hat.

 

 

Nach der neunten Querung - oder war es die zehnte? - geht es kurz links den Berg hinauf und ich erschrecke mich zu Tode.

Dort steht Sabeer (keine Ahnung wie er hieß, aber „Der Geduldige“ finde ich im Anbetracht seiner Aufgabe wohl passend) unter einer kleinen Wellblechhütte und bewacht eine kleine aber feine Sammlung von Schokokeksen und Softtrinks. Ein kurzes Hallo-Nicken. Das wars. Er versucht nicht mal uns etwas zu verkaufen. Vielleicht hat er sein Tagessoll bereits erreicht? Oder er dämmert im Ramadan-Tagesschlaf vor sich hin. Uns ist das tatsächlich egal. Denn. Weit kann es zum Wasserfall nicht mehr sein. In unregelmäßigen Abständen tauchen blaue Kritzeleien auf Steinen auf, die uns die Rest-Lauf-Dauer anzeigen. Es sei gesagt: Die Zeiten sind Bullshit. 

Der Wegverlauf hingegen ist easy: Dickes Gestrüpp flankiert den Pfad, bis das Tal sich weitet und wir auf kleinen Ackerflächen stehen. Hier treffen wir zwei Bauern. Ein Muli. Und zwei Hunde. Die Szenerie erinnert nun ein bisschen Hobbiton. Knalliges Grün trifft winzige Beete und sich schlängelnde Steinwege.

 

Hier passiert auch ein kleines Wunder: Kurz vor unserem Ziel taucht vor uns eine Wandergruppe auf. 5 Mädels. Offensichtlich aus Indien. Und ein marokkanischer Guide. Wir schlängeln uns an Ihnen vorbei und landen wieder im Wald. Wieder ein bisschen bergauf. Wieder ein bisschen bergab.

Und dann.

Sehen wir ihn.

DEN Wasserfall.

Ich habe schon viele Wasserfälle gesehen, aber der hier ist wirklich besonders hübsch. Aus geschätzten 50 Metern Höhe rauscht er in ein blaues Wasserbecken. Umgeben von wildem Wuchs, schroffen Wänden und

Regen. 

Jupp. Es fängt tatsächlich an zu regnen.

Macht aber nichts, außer einer noch coolere Atmosphäre.

Außer uns sind tatsächlich noch ein Wanderpärchen und eine Gruppe von 4 Mädels da. Alle glotzen fröhlich auf das Naturschauspiel. Wir starten mit einem Mini-Fotoshooting und ich versuche abenteuerlustig IN das Gumpenbecken zu steigen. Die Felsen sind aber glatt.  Das Wasser Popo-Kalt. Und meine Kamera schon die Ersatzkamera. Die Letzte habe ich auf den Seychellen ins Meer geworfen.

Ich entscheide mich dafür es sein zu lassen. Und ärgere mich jetzt noch. 

 

 

Als Gumpen-Foto Ersatz folgen 20 so großartige Minuten, dass kein Bild der Welt sie beschreiben könnte.

Wir entdecken nämlich einen Marokkaner, der in seiner Hütte Tee zubereitet und ordern direkt zwei Minz-Tee. Vorsichtig klettern wir über zwei Felsen, zu einer Holzbank (einem Brett auf zwei Holzbeinen) mit direktem Blick auf den Wasserfall. Unser Tee kommt. Der Regen wird stärker. Ich packe die Kamera weg. Es ist zu nass.

So sitzen wir da. Starren die Natur an. Mit einem heißen Tee in der Hand. Und regennassen Haaren.

 

Hinkommen

Wieder haben wir unseren Mietwagen zu schätzen gelernt: Einfach losfahren, die Landschaft genießen und schon auf dem Hinweg nach Akchour so viele Fotostops einlegen, wie man möchte. Die Straße ist gut, die Serpentinen nicht allzu herausfordernd.  Dauer ab Chefchaouen ca. 40 Minuten. Parken kann man für 10 DH einfach direkt am Wanderweg Startpunkt - dem Ende der Straße.

Alternativ bringt einen das Grand Taxi von Chefchaouen zum Ausgangspunkt, Busse gibt es keine. Allerdings sollte man in der Hochsaison darauf achten, den Rück-Transfer vorab zu organisieren.

 

Dableiben

Das Rif-Gebirge ist nicht nur Cannabis-Anbaugebiet Nr. 1, sondern tatsächlich ein vielfältiges Wandergebiet. Es lohnen sich Halb- und Ganztagesausflüge, sowie ggf. auch eine Übernachtung.

 

Schlafen

Wären wir nicht auf einem 5-Tages Mini-Road Trip gewesen, hätten wir auf jeden Fall eine Nacht in den Bergen verbracht! Das wunderbare Hotel Ermitage D'Akchour bietet nämlich nicht nur eine fantastische Lage direkt in der Talsenke mit Traumaussicht auf die Berge, sondern hat auch richtig schöne Chalets im Berghütten Style. ( Pro Nacht ab 130€ inkl. Frühstück) Da man mit seinem eignen Fahrzeug oder einem Taxi nicht an die Unterkunft heranfahren kann, gibt es einen Drop-Off Service. Einfach nachfragen! Mehr Informationen findet ihr HIER.

Kontakt: L'Ermitage d'Akchour, Commune Talembote, Province d'Akchour, Chefchaouen, 91000, Marokko

Die Wanderung

  • Dauer: Wir sind zackig gelaufen, haben dabei ein paar Fotostopps, zwei Pipi-Pausen & ein paar Wasser-Minuten eingelegt und am Ende insgesamt 4 1/2 Stunden gebraucht.
  • Distanz: 11,3 km
  • Top: Landschaft, Badegumpen, Grand Cascade
  • Flop: Flussübergang für kleine Kinder, Plastik-Stuhl-Embargo, Müll und Weggestaltung bis zur Petite Cascade
  • Level: Leicht

 

Unser Fazit

Warum auch immer hatten wir tierisches Glück einen der wohl beliebtesten Wanderwege der Region (fast) komplett für uns alleine zu haben. (Wir haben Bilder gesehen, auf denen hunderte (!!!) Menschen am Wasserfall herumstehen.) Das, kombiniert mit einer wirklich schönen Natur und einem tollen Wasserfallfinale, macht den Weg für uns auf jeden Fall zu einem "Nachmach-Erlebnis". Was wir anders machen würden? Badekrams einpacken und Schuhe mit Profil anziehen. 😀

-> Wer allerdings nur den Weg zum kleinen Wasserfall gehen will, dem raten wir ab. Der Müll trübt hier das ganze Erlebnis! 

 

Litschi-Orakel-Tipp

Es gibt eine zweite Wanderung zur sogenannten Gottesbrücke. (Pont de Dieu) Der Weg soll wilder, anspruchsvoller und weniger vermüllt sein. Der Startpunkt ist ebenfalls der Parkplatz in Akchour. Der Weg führt allerdings bereits VOR der großen Brücke nach rechts. (Wer an dem abgerissen Schild vorbei kommt, ist also schon zu weit gelaufen.) Der erst breite Weg wird dann schnell schmaler und steiler. Nach ca. 30 Minuten erreicht man eine Weggabelung, an der Hauptweg und Rückweg aufeinander treffen. (Heißt für den Rückweg: Links abbiegen) Nach weiteren 15 Minuten ist man schon an der Brücke angekommen. Insgesamt ist man also ca. 1 1/2 Stunden unterwegs. Wer eine Tagestour plant, kann sogar beide Touren kombinieren.

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